Wirksam. Unverzichtbar. Sichtbar? – Beschäftigte 50+ und ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt

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Alle Erzählendenden und die Veranstalterinnen

Zum 14. Deutschen Diversity Tag 2026 stellte der digitale Erzählsalon die Erfahrungen von Beschäftigten 50+ in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Wirksam. Unverzichtbar. Sichtbar?“ entstand ein Raum für persönliche Geschichten, ehrliche Reflexionen und Perspektiven auf eine Arbeitswelt, in der Erfahrung zwar häufig als wertvoll beschrieben, in der Praxis jedoch nicht immer sichtbar gemacht wird.

Fünf Erzählende aus unterschiedlichen Branchen und beruflichen Kontexten berichteten von ihren Erfahrungen – ohne Präsentationen, ohne Nachfragen und ohne Bewertung. Die Geschichten reihten sich aneinander und eröffneten ein vielschichtiges Bild über Sichtbarkeit, Zugehörigkeit, Altersbilder und berufliche Übergänge.

„Erfahrung sichtbar machen – aktiv bleiben statt unsichtbar werden“

Andreas, 67 Jahre alt und nach 51 Arbeitsjahren inzwischen in der Regelaltersrente, blickte auf eine Laufbahn in Marketing und Vertrieb sowie Führungsverantwortung für Teams zwischen 20 und 60 Mitarbeitenden in der Pharmaindustrie zurück. Er kannte sowohl die Perspektive der Führungskraft als auch die des Arbeitnehmers und schilderte eindrücklich, wie sich Wahrnehmung und Rolle mit zunehmendem Alter verändern.

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Andreas Thomas Wolf
Führungskraft, in beruflicher Neuorientierung

Sein Leitsatz „Wehret den Anfängen“ zog sich durch seine Erzählung: Sichtbarkeit gehe oft nicht plötzlich verloren – sie beginne in kleinen Momenten. Etwa dann, wenn man später informiert wird, nicht mehr gehört wird oder aus wichtigen Zusammenhängen herausfällt.

Seine Erkenntnis: Wer auch jenseits der 55 sichtbar bleiben möchte, muss aktiv bleiben. Dazu gehören Offenheit für Neues, körperliche und geistige Fitness sowie die Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung sah er nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung gegenseitigen Lernens zwischen den Generationen:

„Die Jüngeren sind oft hervorragend ausgebildet – und gleichzeitig noch am Anfang ihrer Erfahrungen. Beide Seiten profitieren voneinander.“

Gefährlich werde eine Haltung des Rückzugs oder der inneren Distanz: „Alle sind gegen mich“ dürfe nicht zur eigenen Erzählung werden.

Sein Appell lautete daher: Beziehungen pflegen, Verantwortung übernehmen, die Extrameile gehen und bewusst Einflussräume suchen.

"Ageism erkennen und Altersbilder strukturell verändern"

Thomas, heute Paartherapeut und früher viele Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig, schilderte seinen Übergang nach dem Ende seines Hauptberufs. Die berufliche Veränderung verlief nicht geradlinig. Besonders prägend waren Situationen, in denen Alter unterschwellig zum Ausschlusskriterium wurde.

Er berichtete von Meetings, in denen er als Ältester zuletzt aufgerufen wurde, und von scheinbar beiläufigen Aussagen wie: „Macht nichts, der ist schon über 60.“ Solche Momente seien unterschwellige Formen von Altersdiskriminierung – oft nicht offen ausgesprochen, aber deutlich spürbar.

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Thomas Hallet 
Paartherapeut, Journalist und Autor

Seine Erkenntnis: Statt sich zurückzuziehen, brachte er das Thema aktiv in die Organisation ein und engagierte sich im Bereich Diversity of People, um Altersdiversität sichtbarer zu machen. Die positive Resonanz war groß.

Für ihn sind drei Faktoren entscheidend, damit Menschen auch in späteren Berufsphasen engagiert bleiben: Purpose – Pleasure – Praise, das heißt Sinn, Freude und Anerkennung.

Er warnte zudem vor inneren Glaubenssätzen wie: „Ich habe mein Bestes schon hinter mir.“ Gerade die Übergänge zwischen Beruf und Ruhestand seien tiefgreifende Veränderungsprozesse, die nicht in Resignation, sondern in Aufbruch münden sollten.

Sein Apell lautet, die eigenen Interessen und Chancen auszuloten und einen bewussten „Gleiswechsel“ zu vollziehen, geleitet von der Frage: Wie gestalte ich den nächsten Abschnitt?

Zwischen „Ja, aber“ und neuem Aufbruch

Martina, 61 Jahre alt und nach über 30 Jahren im HR- und Recruiting-Bereich seit März selbstständig, erzählte ihre Geschichte unter dem Titel: „Wie aus vielen JA, ABER… ein JA, UND…  geworden ist.“

In ihrer letzten angestellten Tätigkeit als Senior Recruiterin arbeitete sie in einem überwiegend jungen Team. Rückmeldungen aus einem Feedback-Gespräch mit ihrer jungen Vorgesetzten wurden zum Wendepunkt ihrer beruflichen Neuorientierung.

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Martina Neumann 
Karriereberaterin. Trainerin. Rednerin.

Sätze wie

„Du achtest sehr auf Qualität, aber wir sind hier jung-dynamisch und schnell getaktet.“

„Du triffst die Bewerber gerne persönlich, aber Präsenzinterviews sind nicht mehr zeitgemäß.“

„Du arbeitest 50 Stunden die Woche, aber bist du der Belastung noch gewachsen?“

zeigten ihr, wie stark Alter indirekt mit Leistungsfähigkeit verknüpft wird.

Dieses Feedback verunsicherte sie zunächst. Sie stellte ihre eigene Haltung infrage, reflektierte dann aber die Situation – und fand neue Klarheit. Ihr Fazit: Qualität, Zeit zum Zuhören und persönlicher Kontakt sind vielleicht alte, aber keineswegs veraltete Werte. Sie sind relevanter denn je.

Nach dem Leitsatz „Love it, change it or leave it“ entschied sie sich für Veränderung, zunächst ihrer eigenen Perspektive. So wurde aus rechtfertigender Verteidigung ihrer Arbeitsweise ein selbstbewusstes Leben ihrer Werte. Heute arbeitet Martina als Karriereberaterin und Trainerin und in Kürze auch als freie Trauerrednerin.

Ihre Geschichte zeigte eindrucksvoll: Nicht jede Veränderung beginnt freiwillig – aber sie kann zu einem selbstbestimmten Neuanfang werden.

"Raus aus dem Hamsterrad und eigene Stärken erkennen"

Bettina blickte auf über zwanzig Jahre Tätigkeit in internationalen Unternehmen in der Gesundheitsbranche zurück. Sie hatte Teams aufgebaut, gestaltet und mit Menschen gearbeitet – bis Umstrukturierungen ihren Bereich und ihre Aufgaben veränderten. Sie konnte ihre Interessen und Stärken nicht mehr einbringen und wurde zunehmend unzufriedener.

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Bettina Groetzki 
Inhaberin von Erfolg.Reif®

Irgendwann stellte sie sich die Frage: „Will ich das die nächsten 15 Jahre noch?“ Die Antwort war eindeutig: Nein.

Daraus ergaben sich neue Fragen: „Wer bin ich? Was kann ich? Was treibt mich an?“ Besonders bewegte sie die Aussage, dass der angebliche „Sweet Spot“ für Frauen im Beruf zwischen 42 und 47 Jahren liegt, da sie ihre berufliche Entwicklung meist mit Sorgearbeit vereinbaren müssen. Gleichzeitig birgt diese Phase ebenfalls Herausforderungen, da parallel oft die Wechseljahre beginnen und Frauen trotz ihrer Top-Qualifikation mit Altersdiskriminierung kämpfen. Ab 50+ also werden Frauen dann häufig immer weniger sichtbar. Aus dieser Erfahrung entstand schließlich ihre Unternehmensgründung Erfolg.Reif®.

Ihr Appell: Nicht im Hamsterrad bleiben. Die eigenen Muster erkennen. Strukturen hinterfragen – und gleichzeitig bei sich selbst beginnen.

"Alter neu erzählen"

Robert setzte sich 2023, kurz nach seinem 59. Geburtstag, erstmals intensiver mit dem Thema Alter auseinander. Bis dahin hatte Alter für ihn kaum eine Rolle gespielt. Plötzlich stand eine große Frage im Raum: Was mache ich mit den nächsten 20 Jahren? Und was ist das überhaupt: Alter?

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Robert Eysoldt
Creative Strategist, Gründer von Age Bombs 

Aus dieser Auseinandersetzung entstand Age Bombs, ein Sparringspartner für alle, die Zukunft nicht länger nach Alterslogiken sortieren wollen. Mit Age Bombs macht Robert sichtbar, wie Altersbilder Entscheidungen, Zusammenarbeit und Entwicklung prägen und hinterfragt festgefahrene Zuschreibungen.

Dass Alter nicht in Klischees gedacht werden muss, erlebt er auch ganz persönlich. Seine über 80-jährige Mutter ist aktiv und sehr neugierig. Für ihn ist sie ein lebendiges Gegenbild zu vielen gängigen Altersbildern. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass Themen wie Alter, Zuschreibungen und Vorurteile viel früher verhandelt werden müssten, auch in Schulen.

Beruflich bringt Robert langjährige Erfahrung aus der Medien- und Kreativbranche mit. Er entwickelte Trailer, Kampagnen und andere kommunikative Formate für Medienunternehmen und arbeitete später als Selbstständiger an der Schnittstelle von Kommunikation und Strategie.

Im Zuge seiner eigenen Neuorientierung absolvierte er eine systemische Weiterbildung und beschäftigte sich bei Age Bombs auch mit Fragen von Übergängen: Was trägt noch? Was kann ich loslassen? Was will neu entstehen?

Daraus leitet er drei Wegweiser ab:

  • Lass dich nicht vorsortieren. Auch nicht durch dich selbst.

  • Lass dir das eigene Leben nicht von fremden Zuschreibungen verwalten.

  • Erzähl dein eigenes Leben nicht zu früh zu Ende.

Seine Botschaft war klar: Alter ist kein Stillstand. Alter ist Bewegung nach vorne.

Gemeinsame Erkenntnisse aus Austausch und Diskussion

Im anschließenden Dialog griffen Teilnehmende die Frage auf, wie Menschen mit der inneren Spannung umgehen können, sich jung zu fühlen und gleichzeitig als „alt“ wahrgenommen zu werden.

Die Antworten kreisten um wichtige Themen:

  • Eigene Glaubenssätze hinterfragen

  • Negative Zuschreibungen nicht übernehmen

  • Positive Rollenbilder sichtbar machen

  • Generationenübergreifende Zusammenarbeit stärken

  • Selbstwirksamkeit erhalten

Eine Interimsmanagerin berichtete von sehr unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Suche nach einer Festanstellung mit 66 Jahren – zwischen Erstaunen („In Ihrem Alter wollen Sie noch arbeiten?“) und großem Interesse an ihrer Erfahrung.

Mehrfach wurde der Wunsch geäußert, gute Beispiele aus Unternehmen sichtbarer zu machen und mehr Role Models 50+ zu zeigen.

Ein besonderer Appell richtete sich an Führungskräfte: Altersdiversität entsteht nicht von allein. Sie braucht Räume, Formate und bewusste Zusammenarbeit zwischen den Generationen.

Fazit

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Uta Sadowski-Lehmann
Salonnière

Der Erzählsalon machte sichtbar, was häufig im Verborgenen bleibt: Menschen 50+ bringen weit mehr ein, als Erfahrung allein. Sie bringen Orientierung, Reflexionsfähigkeit, Veränderungskompetenz und Perspektivenvielfalt mit.

Die Geschichten machten aber auch deutlich: Sichtbarkeit endet nicht automatisch mit zunehmendem Alter – sie braucht jedoch Aufmerksamkeit, passende Strukturen und den Mut, die eigene Geschichte weiterzuschreiben.

Die vielleicht prägendsten Sätze des Nachmittags lauteten:

„Erzähl dein eigenes Leben nicht zu früh zu Ende.“
„Ich passe nicht mehr in jede Rolle.“
„Selbstwirksam bleiben.“

Professionell und empathisch begleitet wurde der Erzählsalon von Uta Sadowski-Lehmann, die als Salonnière den Raum für Zuhören, Resonanz und Perspektivenvielfalt eröffnete.

Der Erzählsalon zeigte: Erfahrung ist keine Randnotiz. Sie ist eine Ressource – wirksam, unverzichtbar und sichtbar.