Gesuchte Altersvielfalt: Expertise älterer Mitarbeiter nutzen – Erkenntnisse aus Studien bei HAYS
Die monatliche Coffee Break 50+ im September widmete sich intensiv dem Arbeitsmarkt für Experten/-innen in der Midlife- und vor allem der Late Career und Rente. Tatiana Kitschke, Projektmanagerin & Spezialistin für Age Diversity bei dem Personaldienstleister HAYS, zeigte gemeinsam mit Sophie Baierl, ihrer Kollegin für Berufseinsteigende, neueste Erkenntnisse aus zwei Studien.
Hier folgen ein paar zentrale Erkenntnisse und Take-aways aus einer sehr interaktiven Stunde, die einen Grundtenor hatte in dieser Aussage: "Da, wo der Schuh wirklich drückt, spielt das Alter keine Rolle". Die rege Diskussion im Anschluss zeigte das große Interesse der 60 Teilnehmenden am Thema "Expertise kennt kein Alter".
Unternehmen erkennen Bedeutung der Mitarbeitenden 50+
Der demografische Wandel ist seit Langem bekannt, die zunehmende Altersdiversität in der Arbeitswelt rückt aber erst seit Kurzem stärker in den Fokus.
Neu ist, dass Unternehmen aktiv Maßnahmen ergreifen, um explizit die Karrierechancen von Mitarbeitenden 50+ und 60+ zu fördern und die Weiterbeschäftigung im Rentenalter zu ermöglichen. Neu ist jedoch der explizite Ansatz, ganz aktiv für die Karrierechancen von Mitarbeitenden 50+ und 60+ konkrete Maßnahmen zur Förderung aufzusetzen. Und für die Weiterbeschäftigung in der Rente. Das konnten wir bei unseren "Change Maker 50plus"-Veranstaltungen schon an einigen Stellen sehen.
HAYS-Daten zeigen: In 14 % der Unternehmen sind über 40 % der Mitarbeitenden über 60. Besonders betroffen sind der Energiesektor (bis zu 70 % Ausscheiden bis 2035), die Infrastruktur sowie IT und Produktion.
Ergebnisse der Studie "Expertise kennt kein Alter"
In dieser Hinsicht quantifizieren die Studienerkenntnisse unter dem Titel "Expertise kennt kein Alter", die sich explizit mit Arbeitskräften über 60 befasst, den zunehmenden Fachkräftemangel in Deutschland. Grobe Statistiken zeigen bis 2035 einen zunehmenden Mangel von bis zu 7 Millionen Arbeitskräften, wenn sich keine Änderungen am und im Arbeitsmarkt ergeben.
Die Zahlen sind jedoch unspezifisch. Die Veränderungen haben massive Auswirkungen, vor allem durch Know-how-Verlust, Engpässe und steigende Kosten. Die Studien zeigen Lösungsansätze, um die Wirtschaft funktionsfähig zu halten.
Die zentralen qualitativen Erkenntnisse zielen auf die Dringlichkeit, Ältere so lange wie möglich zu halten bzw. klug mit ihnen umzugehen:
- 90 % der befragten Entscheiderinnen sehen die Bedeutung älterer Fachkräfte und erwarten einen verstärkten Einsatz. 46 % messen KeyWorkerinnen über 60 einen hohen Stellenwert bei.
- In einigen Branchen gibt es aktive Unternehmensinitiativen, um speziell Menschen 60+ zu rekrutieren.
- Das Expert+-Programm von HAYS und Contracting-Angebote für Experten/-innen in Rente ermöglichen es in der Praxis noch nicht so fortgeschrittenen Unternehmen, erfahrene Mitarbeitende flexibel weiter zu beschäftigen.
- Zielsetzung speziell beim Expert+-Programm ist, die Arbeitswelt von morgen aktiv zu gestalten. Dies geschieht mittels flexibler Beschäftigungsmodelle, Verlängerung der Tätigkeit über das Rentenalter hinaus und – ein wesentlicher Punkt, um unbewusste Altersdiskriminierung zu vermeiden – durch gezielte Begleitung von Unternehmen und Kandidat*innen im Prozess zur Neubeschäftigung.
- Mit Blick auf Ageismus werden die Stärken älterer Mitarbeitender betont: breite Erfahrungsbasis, spezifisches und relevantes Know-how und soziale Kompetenzen und motivierte Zuverlässigkeit sind als zentrale Vorteile anerkannt.
- Kritisch muss allerdings der Blick auf eine typische Wahrnehmungslücke fallen: Selbst- und Fremdbild klaffen durchaus auseinander: 81 % der älteren Beschäftigten schätzen ihre Erfahrung (bzw. deren praxiskonkrete Relevanz) und ihre subjektive Veränderungsbereitschaft positiver ein als ihre (potenziellen) Führungskräfte, die dieser Eigenwahrnehmung nur zu 53 % beipflichten.
- Auf beiden Seiten besteht Handlungsbedarf - für mehr Aufklärung über Kompetenzen und für ein neues Mindset, das Skills und Erwartungen besser matcht. Beides Voraussetzungen dafür, dass eine Zusammenarbeit erfolgreich wird. Und damit übergreifend erkennbar wird, dass Altersvielfalt und die bewusste und zielgerichtete Einbindung erfahrener Mitarbeitender zentrale Hebel sind, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und Unternehmen zukunftssicher aufzustellen.
Programm Expert+
Trotz unterschiedlicher Perspektiven auf die Beschäftigungsfähigkeit erkennen Unternehmen den Wert älterer Talente zunehmend an. 9 von 10 Entscheidenden erwarten, zukünftig stärker auf sie angewiesen zu sein. HAYS kann das mit eigenen Dienstleistungen belegen: 39 % aller Vermittlungen von Selbstständigen im letzten Jahr waren für Menschen 50+, wobei 48 % davon speziell ins Engineering oder Bauwesen.
Für Angestellte gibt es das Programm Expert+, das Tatiana Kitschke seit drei Jahren begleitet. Es schafft attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen und berücksichtigt zeitgleich die Wünsche der potenziellen Kandidat*innen. 10% der im Programm betreuten Personen sind bereits in der Rente.
Hier geht es zur Webseite des Programms und detaillierteren Informationen: Expertise+ mit Expert+
Take aways
Tatiana Kitschke und Sophie Baierl betonen:
- Painpoints sind Renteneintritte oder Beginn der passiven Altersteilzeit bei gleichzeitigem aktuten Personalmangel. Unternehmen suchen daher nach Unterstützung für Weiterbeschäftigung – unter anderem bei HAYS.
- Politisch, rechtlich und organisatorisch-strukturell müssen neue Wege beschritten werden, um mehr Optionen zu ermöglichen und bessere Rahmenbedingungen zu erschaffen.
- Kanditaten/-innen benötigen durchaus Support, um sich am Arbeitsmarkt zu positionieren und zu präsentieren. Erfahrung allein reicht nicht als Skillset.
- Zwar sind Erfahrung, Überblickswissen, Zuverlässigkeit oder Krisenfestigkeit allseits geteilt positive Stereotypen. Aber ebensosehr – und vielleicht mehr – zählen im konkreten Fall mit fachlichen Qualifikationen und Anforderungen, Changebereitschaft und persönlichen Kompetenzen wie Lernfähigkeit, Offenheit für neuartige Anforderungen etc.
Diskussion im Forum
Die anschließende Diskussion war geprägt von unterschiedlichen Perspektiven.
Zunächst ging es um die Beurteilung, welche Relevanz "Erfahrung" hat, wie man diese einordnen kann und in welchen Branchen Erfahrungswissen sehr hoch gewichtet wird und gewissermaßen sofort zu Bewerbungsgesprächen führt (etwa im Engineering). Die Diskussionsteilnehmenden brachten zudem Überlegungen ein, dass der Erfahrungsbegriff deutlich differenzierter zu handhaben sei, um Kompetenzen z. B. im lebenslangen Lernen, Erkennen und Erfassen von neuartigen Entwicklungen oder in einer strukturierten Entscheidungsfähigkeit zu fokussieren. Wie filtert man die Kernkompetenzen eines langen Berufslebens so heraus – so dass deren Relevanz für z. B. eine ausgeschriebene Stelle sofort ersichtlich sind, dass neu angeeignete Fähigkeiten in ihrer Einsatzbarkeit deutlich sind.
Ein anderer Gesprächsschwerpunkt kreiste um die geforderte Mindset-Änderung auf People- wie Firmenseite: Tatiana Kitschke erklärte den doppelten Ansatz bei HAYS, wie Firmen auf das Thema Demografie gut vorbereitet und ältere Fachkräfte bestmöglich ongeboardet und integriert werden können. Und, welchen Support Kandidaten/-innen im Bewerbungsprozess erhalten. Sie betonte dabei, dass die Akzeptanz seitens der Unternehmen mit dem Arbeitskräftebedarf steigt. IT, Verarbeitendes Gewerbe, Infrastruktur oder Eergieversorgung etwa sind sehr offen – da der demografische Druck hier spürbar höher sei. Nützlich sei dabei oft, die Erkenntnis zu fördern, indem etwa öffentlich zugängliche Personalstrukturberichte als Eye-Opener dienen.
Aus dem Teilnehmenden-Kreis wurde dabei sehr wohl gespiegelt, dass diese Offenheit nicht auf allen Feldern bzw. allen Branchen so erkennbar sei, dass es gleichbleibend eine hohe Anzahl Arbeitssuchender gibt, die am (hier technischen) Arbeitsmarkt nicht reüssieren, sondern mit Altersdiskriminierung konfrontiert seien. Oder, dass derzeit doch wieder Ältere vermehrt freigestellt würden mit verschiedenen Maßnahmen, um die Personalbudgets zu entlasten, selbst wenn Know-how-Verluste drohen, aber als verkraftbar gesehen werden.
Fazit ist dennoch, das betonte Tatiana, dass die Akzeptanz der Unternehmen steigt, sich mit dem Thema Age Diversity zu befassen, Vorurteile und Unconscious Bias zu hinterfragen, sich aktiv mit den eigenen Personalstrukturen zu befassen.
Wir danken unseren beiden Referentinnen Tatiana Kitschke und Sophie Baierl und unseren vielen Gästen aus Deutschland und der Schweiz.