In der Juni-CoffeeBreak 50+ konnten wir Dr. Sandra von Doetinchem begrüßen, Founderin und CEO von Skilled Tomorrow sowie Präsidentin von Hawaii Women in Tech auf Hawaii, eine ausgewiesene Expertin für Erwachsenen- und Seniorenbildung und den Arbeitsmarkt 50+ seit ihrem Studium und Promotion in Deutschland.
Ihr Impulsvortrag umfasste einen breiten Überblick über das gesamte Angebotsfeld und die institutionelle Breite und Tiefe der Lernangebote für Ältere: Wie sieht lebenslanges Lernen für Menschen 50+ in den USA aus?
Und weiter gefragt: Was sind Unterschiede zur Erwachsenenbildung in Deutschland? Und was können wir für den deutschsprachigen Kontext lernen - und vice versa die USA von uns?
Die Neurowissenschaften haben schon vor langem belegt, dass wir zwar fluides und kristallines Lernen und Wissen theoretisch auseinanderhalten können. Dass aber gleichzeitig eines die menschlichen Fähigkeiten grundlegend prägt: Die Adaptibilität, also Anpassungsfähigkeit in alltäglichen und sozialen Kontexten und die Plastizität als die Fähigkeit stetig Neues lernen zu können.
Und das ist hochrelevant in einer sich demografisch verändernden und zudem immer langlebigeren Gesellschaft - wie sowohl die USA wie Deutschland sind. Das Thema hat zu einer regen Teilnahme mit fast 70 Anmeldungen zu unserer CoffeeBreak geführt, denn wir benötigen auch in Deutschland eine radikal erweiterte Konzeption und Verankerung von Lebenslangem Lernen mit aktuellen und niedrigschwelligen Angeboten.
In Deutschland wird Bildung im Erwachsenenleben und höheren Alter oft noch recht zweigleisig gedacht: als „Weiterbildung“, Upskilling oder Reskilling für den Beruf bzw. für die Berufsfähigkeit (Employability) oder als eher private, oft sprach- und kulturorientierte Freizeitangebote - ob auf Reisen, im Bildungsurlaub oder in Volkshochschulen und mit Gasthörerangeboten an Universitäten.
Die Referentin hat uns beim Blick in die USA ein breiteres Verständnis gezeigt, das auch zivilgesellschaftlich wesentlich verankert ist und in den Communities gelebt wird.
Dort umfasst das lebenslange Lernen vor allem ältere bis hochaltrige Menschen - und Angebote für diese mit geringem Kostenaufwand und leichter Zugänglichkeit. Und abgrenzbar davon existieren arbeitsmarktnah ausgerichtete, oft sehr kommerzielle Programme für Arbeitgebende oder Selbstzahlende.
Der Vortrag in der CoffeeBreak50PLUS setzte einen wichtigen Impuls für einen differenzierten Blick auf Bildung im Älterwerden. Denn lebenslanges Lernen ist mehr als strukturierte, abschluss- oder zertifikatsorientierte Qualifizierung. Lernen ist nicht nur Wissensanhäufung, sondern ebenso Beziehungs- und Zukunftsgestaltung:
- Es ermöglicht mehr Selbstvertrauen & Unabhängigkeit,
- eine Stärkung der Lernkompetenzen und kognitiven Flexibilität,
- eine höhere Lebenszufriedenheit durch Teilhabe
- die Reduktion von Einsamkeit (durch die soziale Interaktion in den Lerngruppen)
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Menschen 50+ weiterhin lernen wollen und sollen. Sondern mittels der Analyse von Weiterbildungsbeteiligung, Bildungsmotivation und Bildungspräferenzen gilt die aufgeworfene Frage: wie Lernen insbesondere Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Das ist in Zeiten von längeren Erwerbsverläufen - wie sie uns USA wie Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen sind - nicht zu unterschätzen. Auch für Lernen im Berufsleben können die Erfolgsfaktoren adaptiert werden, wenn wir an ein Bottom-up-Lernen von und für innerbetriebliche Communities und Netzwerke, an Peer-Learning innerhalb von Teams und das Teilen von Erfahrungen aus Projekten etc. denken. (Ein Beispiel dafür kann z. B. die Mitarbeitenden-Akademie bei OTTO/Otto Group sein).
Und genau in dieser Spannweite besonders der vielen informellen, leicht zugänglichen Angebote liegt eine wichtige Erkenntnis, dass auch in Deutschland die Nachfrage durch die demografische Entwicklung massiv steigen wird und wir daher die Angebote, die Strukturen und die Mindsets deutlich verändern müssen.
Als Beispiele für die USA wurden die Osher Lifelong Learning Institutes (OLLI) gezeigt, die Gasthörerprogramme an Universitäten, Road Scholar oder OASIS Institutes. Deren Programme richten sich an ältere Erwachsene, die ohne Prüfungsdruck, ohne Noten und meist ohne formale Leistungsziele aus und mit Spaß lernen möchten. Besonders spannend ist dabei auch der Umgang mit Erfahrungswissen und Ansätzen des Lehr-Lernens bzw. Lern-Lehrens: Ältere Lernende werden gleichzeitig zu Lehrenden und bringen als Ressourcen ihre berufliche Erfahrung, lebenspraktisches Wissen, Perspektivenvielfalt und häufig eine hohe Motivation ein, sich in neue Kontexte einzubringen. In etlichen Lernformaten wird dieses Wissen anerkannt, eingebunden, weiterentwickelt und in neue Wirksamkeit überführt.
Im Vordergrund der didaktischen Ansätze stehen menschliche, intellektuelle Neugier, soziale Teilhabe und aktive Lebensgestaltung. Lernen wird hierbei nicht als Mittel zum Zweck verstanden, sondern als Form von Selbstwirksamkeit, gesellschaftlicher Einbindung und geistiger Beweglichkeit. Indirekt werden auf diesem Weg Engagement und Teilhabe gestärkt, denn wer lernt, bleibt nicht nur geistig und in den Lerngruppen sozial aktiv, sondern erweitert häufig auch das Handlungsrepertoire, die Anschlussfähigkeit und vor allem das Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit.
Sandra von Doetinchem sieht hierin einen bislang zu wenig beachteten Hebel, um die Debatte über Alterung, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung stärker um Chancen und Potenziale zu erweitern. Statt ausschließlich die Kosten des demografischen Wandels zu diskutieren, sollte stärker in lebenslanges Lernen investiert und die aktive Teilhabe älterer Erwachsener gefördert werden. Ein interessantes Beispiel liefert die US-amerikanische Organisation AARP. Viele Menschen erhalten rund um ihren 50. Geburtstag Einladungen zur Mitgliedschaft. AARP bietet neben Informations- und Beratungsangeboten auch Veranstaltungen und Lernmöglichkeiten an. Solche niedrigschwelligen Kontaktpunkte können als eine Form des „Nudging“ verstanden werden: Sie erinnern Menschen daran, dass Lernen, Engagement und persönliche Entwicklung auch in der zweiten Lebenshälfte relevant bleiben. Gerade Personen, die längere Zeit nicht an formalen oder informellen Lernaktivitäten teilgenommen haben, könnten dadurch ermutigt werden, wieder aktiv zu werden.
Allerdings zeigen sich noch strukturelle Hürden - denn Ältere werden auch in USA noch "sidelined", also nicht so stark eingebunden, wie es wünschenswert ist. Wer lebenslanges Lernen ernst nimmt, muss ageistische und finanzielle Barrieren mitdenken — und Programme so gestalten, dass sie nicht nur erreichbar, sondern auch anschlussfähig und wertschätzend sind.
Die Referentin
Dr. Sandra von Doetinchem arbeitet und forscht vor allem zu lebenslangem Lernen, Weiterbildung und Bildung im höheren Erwachsenenalter und Arbeitsmarkt 50+ in den USA Ihre Publikationen und Vorträge verbinden Bildung im Alter, Hochschulweiterbildung, Arbeitsmarkt 50+ und Fragen des demografischen Wandels.