Mit Power durch den Wandel – Wechseljahre im betrieblichen Kontext

Aktuellen Schätzungen zufolge befinden sich in Deutschland derzeit rund 9 Millionen Frauen in den Wechseljahren. Damit betrifft diese Lebensphase einen erheblichen Teil der Erwerbsbevölkerung – und hat spürbare Auswirkungen auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Bindung von Mitarbeiterinnen. Dennoch wird das Thema in vielen Unternehmen noch immer selten offen angesprochen. Dabei berührt es zentrale Handlungsfelder moderner Arbeitsgestaltung wie Personalentwicklung, Führung, Diversity, betriebliches Gesundheitsmanagement und Employer Branding.

Foto der Referentinnen Foto der Referentinnen

Im Forum Betriebliches Gesundheitsmanagement von ddn Hamburg wurde dieses lange tabuisierte Thema bewusst in den Fokus gerückt. Ziel der Veranstaltung war es, Wissen, aktuelle Entwicklungen und gelebte Praxis zusammenzubringen und zu zeigen: Die Wechseljahre sind längst vom privaten Tabuthema zu einem relevanten Erfolgsfaktor im Arbeitsleben geworden.

Impuls: Wechseljahre als Faktor im modernen Arbeitsleben

In ihrem Impulsvortrag eröffnete Anne Feldt, Mitgründerin von hermaid, eine strategische Perspektive auf das Thema. Ihr Ziel ist es, einen neuen Standard in der Versorgung von Frauen in den Wechseljahren zu etablieren – datenbasiert, wissenschaftlich fundiert und vor allem individualisiert.

Mit ihrem langjährigen Hintergrund in der Beratung und der Entwicklung digitaler Lösungen für den Gesundheitsmarkt zeigte sie auf, wie groß die Versorgungslücke bislang ist. Die Wechseljahre seien kein individuelles Problem, sondern ein systemisches – mit direkten Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit, Karriereverläufe und den Unternehmenserfolg.

Vom Tabu zur strategischen Relevanz

In den vergangenen Jahren hat sich rund um das Thema Wechseljahre viel bewegt. Die Kommunikation habe sich verändert – von reiner Awareness hin zu konkreten Lösungen und Unterstützungsangeboten, erläuterte Anne Feldt. Die mediale Aufmerksamkeit steigt, Frauen sprechen offener über ihre Erfahrungen und werden zunehmend zu Advocates. Auch politisch gewinnt das Thema an Bedeutung, inzwischen auch in Deutschland.

Foto von Anne Feldt Foto von Anne Feldt
Anne Feldt ist Gründerin und Geschäftsführerin von hermaid.

Trotzdem heißt es immer noch häufig: „Die Wechseljahre sind natürlich, da muss man durch.“ „Das stimmt“, stellt Feldt entgegen, „doch wie – ohne Guidedance?“ Ohne gezielte Begleitung steigt das Risiko, dass Belastungen unbeachtet bleiben. „Prävention und Longevity bedeuten hier nicht, einfach älter zu werden, sondern die gesunden Lebens- und Arbeitsjahre zu verlängern“, erklärt sie.

Besonders eindrücklich machte sie deutlich, warum frühzeitiges Gegensteuern entscheidend ist: Unbegleitete Wechseljahre können mit Erschöpfung, Burn-out und Kraftverlust einhergehen. Studien zeigen, dass jede siebte Frau ihren Job kündigt oder die Arbeitszeit reduziert. Hinzu kommen gesundheitliche Risiken wie Insulinresistenz, Gewichtszunahme, arterielle Hypertonie, metabolisches Syndrom und Nährstoffmängel. Postmenopausal steigt das Herzinfarktrisiko signifikant, ebenso das Risiko für Schlaganfälle und Osteoporose.

Perspektiven aus der Praxis: BEM als Wendepunkt

Foto von Christine Dillmann Foto von Christine Dillmann
Christine Dillmann ist Referentin und Beraterin (FPG, CDMP) für Gesundheit und Prävention für die Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW)

Wie sich diese Belastungen im Arbeitsalltag oft leise und unsichtbar entwickeln, machte Christine Dillmann (FAW gGmbH) deutlich. Wechseljahre seien im Job noch immer ein Tabuthema. Symptome wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme oder Selbstzweifel würden häufig individualisiert und verschwiegen – aus Sorge, als weniger belastbar oder kompetent wahrgenommen zu werden.

Gerade hier setzt das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) an. Es kann der Ort sein, an dem aus Stille Sprache wird: Themen dürfen benannt werden, ohne bewertet zu werden, und private Belastungen werden Teil einer strukturierten Fürsorge des Unternehmens. Dieser Schritt aus der Vereinzelung hat drei Effekte: Er entlastet Betroffene, erweitert den Handlungsspielraum durch Anpassungen und stärkt die Unternehmenskultur hin zu mehr psychologischer Sicherheit.

Studien zeigen, dass sich über 70 Prozent der Frauen offene Kommunikation, Sensibilisierung von Führungskräften sowie flexible Arbeitsmodelle wünschen. Wechseljahre verlaufen nicht im luftleeren Raum – sie treffen auf reale Arbeitsplätze, Teams und Anforderungen.

bonprix als Praxisbeispiel: Verantwortung übernehmen und gestalten

Wie Unternehmen diese Erkenntnisse konkret umsetzen können, zeigte das Praxisbeispiel von bonprix, einem Tochterunternehmen der Otto Group. Dr. Andrea Pilat, Teamlead Culture & Health, und Britta Reggelin, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, berichteten, wie bonprix die Wechseljahre frühzeitig im Betrieblichen Gesundheitsmanagement verankert hat.

Beobachtungen im Unternehmen zeigten, dass sich Frauen in verantwortungsvollen Positionen teilweise plötzlich zurückzogen oder ihre Arbeitszeit reduzierten. Ein offenerer Umgang mit dem Thema Wechseljahre hätte dies möglicherweise verhindern können.

Foto von Dr. Andrea Pilat Foto von Dr. Andrea Pilat
Dr. Andrea Pilat ist Teamlead Culture & Health bei bonprix.
Foto von Britta Reggelin Foto von Britta Reggelin
Britta Reggelin ist stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei bonprix.

Bereits 2021 begann bonprix daher, sich systematisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nachdem die wirtschaftliche Relevanz aufgezeigt werden konnte, stieß das Vorhaben auf breite Unterstützung. Die größte Hürde sei gewesen, den Mut zu fassen, das Thema aktiv anzugehen, berichteten die Initiatorinnen.

„Zur Kickoff-Veranstaltung kamen tatsächlich 70 Personen – das große Interesse hat uns selbst überrascht und überzeugt, weiterzumachen“, so die Verantwortlichen.

2022 folgte die Kooperation mit #nobodytoldme. Darauf aufbauend entwickelte bonprix eine Veranstaltungsreihe sowie eine digitale Plattform mit E-Learning-Angeboten und weiterführenden Informationen. Diese werden auch langfristig kontinuierlich genutzt. Aktuell wird das Vorgehen im Rahmen eines Audits durch die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin evaluiert.

Fazit: Wechseljahre gehören in die Gesundheitsstrategie

Das zentrale Fazit der Veranstaltung: Wechseljahre müssen Teil der betrieblichen Gesundheitsstrategie werden. Fehlzeiten- und Kündigungsstatistiken sind oft späte Warnsignale. Frühzeitige Interventionen, individuelle Angebote und offene Kommunikation hingegen sind ein klarer Win-win für Mitarbeitende und Unternehmen.

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